Die gnadenlose Öffentlichkeit

Wer im Brennpunkt der Öffentlichkeit steht muss sich auf Einiges gefasst machen…

Von Wolf Achim Wiegand

Hamburg (waw) – Öffentlichkeit ist gnadenlos. Wer sich dazu entschließt, aus der Masse herauszutreten, muss damit rechnen, gescreent zu werden. Nichts interessiert Menschen mehr, als das, was ein bekannter Zeitgenosse macht.

Das gilt auch für Führungskräfte.

Die Zeiten, als Chefs noch zurückgezogen in einem Büro hinter dicken Türen präsidierten, sind vorbei. Gefragt ist heutzutage der gläserne Chef. Seine offene Tür signalisiert Transparenz und Vertrauen. Jeder darf hineingucken. Die Mitarbeiter sind keine Befehlsempfänger, sondern gehören zum Team.

Wer die Zügel in die Hand nimmt muss also einkalkulieren, beobachtet zu werden. Das Risiko liegt auf der Hand: jeder Schritt und Tritt wird von wohlmeinenden und kritischen Geistern bewertet. Das umsomehr in Zeiten der SocialMedia.

Die Offentlichkeit hat eine unsersättliche Neugier, alles zu wissen, außer dem Wissenswerten.“ —

Oscar Wilde, Schriftsteller

Facebook, Google & Co. haben die Welt zur jederzeit für jedermann zugänglichen aber glatten Schaubühne gemacht. Auf der kann jeder stolpern. So, wie kürzlich Sylvie Meis, in Deutschland tätige Moderatorin und Model aus den Niederlanden.

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Happy Weekend! ❤️💋

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Der ins Kreuzfeuer gekommene Instagram-Auftritt

Die aparte 41jährige hatte im Rahmen ihrer Selbstvermarktung auf Instagram ein hübsches Foto von sich gepostet. Schick angezogen, lässig auf einer Brücke sitzend, im Hintergrund die sonnige Skyline von Hamburg -alles gut. Wäre da nur nicht der blöde Kaffeebecher in der Hand gewesen.

Das Einmal-Plastikgefäss samt Kunststoff-Strohhalm war es, das einen shitstorm auslöste. „Liebe Sylvie, als Frau des öffentlichen Lebens, könntest du da nicht Vorbild für nachhaltigere Produkte sein?“ schrieb ein User, ähnlich wie unzählige andere. Der Boulevard griff die „Affäre“ dankbar auf.

Muss man Mitleid mit Silvie Meis haben? Nein. „Wer Privates freigiebig preisgibt, kann hinterher schwerlich Klage führen, wenn andere daraus ein Geschäft machen,“ schreibt Rainer Hank richtigerweise in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

„Öffentlichkeit, Öffentlichkeit, Öffentlichkeit ist der größte moralische Machtfaktor in unserer Gesellschaft.“ —

Joseph Pulitzer, Zeitungsverleger
Da wird „BoJo“ der Becher weggerissen…

Dass man „korrekt“ sein muss, zumal in Zeiten des Klimaschutzes, weiß auch das Presseteam des wenig öffentlichkeitsscheuen britischen Premierministers Boris Johnson:

Als der große Kommunikator zu einem großen Auftritt in eine Halle hastet, reicht ihm ein Mitarbeiter einen frisch gefüllten Kaffeebecher – aber Sekunden später reißt ihm eine eifrige Assistentin den Trank wie einen Giftbecher wieder energisch aus der Hand und zischt: „Keine Einwegbecher!“ Johnson murmelt etwas sprachlos: „Oh. Oh. Oh…“

Die filmreife Zehn-Sekunden-Szene wäre unbemerkt geblieben, wäre sie nicht von einer Kamera in Wort und Bild festgehalten worden. Damit ging der Vorgang um die Welt. Ob zum Schaden des bullernden Ballerkopfes oder zum Nutzen des dauerbeobachteten Teflon-Politikers sei dahingestellt.

„Es ist Neugierde, was auf die Neugierde aufmerksam macht.“ —

Hans Blumenberg, Philosoph

Aber wo liegen nun die Grenzen? „Sobald ein Mensch prominent wird, … verliert er nach Ansicht vieler seiner Mitbürger das Recht auf eine Intimsphäre,bebobachtet Autor Harald Martenstein. Gerecht sei das nicht. Mit der Neugier sei es wie mit fast allem: ein bisschen ist okay, die Überdosis schade.

Über Eines sollte sich jeder „Leitende“ im Klaren sein: die Ausstrahlung seiner Persönlichkeit kann auf das Unternehmen oder die Marke ausstrahlen. Es gibt eine Wechselwirkung zwischen dem Image der Führungsfigur und der Wahrnehmung nach außen (und auch nach innen). Das kann geldwerte Vorteile oder Nachteile bringen.

Vermeiden lässt sich Öffentlichkeit für Führungskräfte kaum. Das Zeitalter, als Direktoren sich einigelten, ist vorbei. Es gilt, sich dessen bewusst zu sein. Und den eigenen Auftritt bewusst zu planen und an ihm zu feilen.

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„Die Bibel ist wirklich ein gutes Buch. In ihr findet sich der Gedanke, dass nur derjenige mit Steinen auf andere werfen soll, der ganz sicher ist, selber frei zu sein von jeglicher Sünde. Leider sind sehr viele Mitbürger über sich selbst genau dieser Ansicht.“

Harald Martenstein

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